Liebe Gnomenfreundinnen und Gnomenfreunde, werte Kulturinteressierte, werter Vorstand des Gnomengartenvereins, liebe Maria, lieber Gnomenvater Jüre, liebe Mit-Gnomen

Ich begrüsse Euch alle, einerseits im Namen des Gemeinderates, und andererseits persönlich als Nachbar, ganz herzlich zum Start in die zehnte, in die Jubiläumssaison.

Vor ungefähr zwei Wochen, am 20. Mai, stand eine fette Schlagzeile in allen Zeitungen: «US-Forscher schaffen erstmals künstliche Lebewesen». Beschrieben ist im Artikel als Forschungsresultat «das erste synthetische Bakterium, das lebensfähig ist. Den Forschern ist gelungen, was noch nie da war. Das sei aus technischer Hinsicht ein Riesendurchbruch und herkulische Arbeit. Eine neue Ära der Biologie ist eingeleitet.» Soweit der Ausschnitt aus dem Zeitungsbericht, der von ausserordentlichen Begriffen nur so wimmelt. — Sehr bescheiden, würde ich sagen.

Natürlich sind's nicht die Amerikaner, die es erfunden haben. Woher sonst sollten seit Jahren die vielen Gnomen im Garten von Jüre stammen? Es braucht also weder 15 Jahre amerikanische Forschungsarbeit, noch Labors, noch 30 bis 40 Millionen von Forschungsgelder – auch nicht Millionen von Boni oder solche Anreiz-Systeme und so – es braucht ganz einfach einen ausserordentlichen Künstler in Schwarzenburg mit einem wachen Hirn, ein Atelier, wo er drinnen und draussen arbeiten kann, und einen Garten mitten im Dorf. Und es braucht einen Trägerverein mit treuen Mitgliedern.

Als Nachbar habe ich miterlebt, wie der Gnomengarten seit den Anfängen langsam, aber Schritt für Schritt, gewachsen ist. Vor über 10 Jahren hat diese Lebens- und Schaffensphase von Jürg Ernst mit scheuen Versuchen angefangen. Mit kleinen und bescheidenen Figuren, zum Beispiel als «Wachhund» oder Briefkasten vor einzelnen Hauseingängen in Schwarzenburg und in der näheren Umgebung. Unterdessen ist in den letzten 10 Jahren ein grossartiges begehbares Gesamtkunstwerk entstanden, dreidimensional auch gegen unten, zum Beispiel zu Mona Lisas Ehemann, oder gegen oben. Mit Licht, mit Ton, mit Wasser. Und vor allem mit vielen, vielen Geschichten.

Am Anfang haben die Baufachleuten das Ganze beargwöhnt, «das kann ja nicht funktionieren». Unterdessen kommen sie wie Hunderte und Tausende anderer Leute an Führungen und geniessen’s.

Als Gemeindepräsident freut es mich sehr, dass der Gnomengarten zu einer Erfolgsstory geworden ist. Er wurde zu einem touristisches Magnet und «Highlight» in der Region. Er ist ein fixer Bestandteil im Programm des Verkehrsvereins. Er hat über alle Jahre und bis heute eine hohe Medienpräsenz gehabt – und hat sie immer noch. Er hat auch eine eigene Postautohaltestelle (Mindestens in den Lautsprechern der Postautos selber wird die Haltestelle mit «Milkenstrasse Gnomengarten» angekündigt), und das war – wie ich gehört habe - ein Krampf, bis die Haltestelle Gnomengarten von der Post bewilligt wurde. Kurz: Der Gnomengarten ist eine Institution, die nicht mehr aus Schwarzenburg wegzudenken ist. Das ist die Gemeinde- und Ortsmarketing-Sicht .

Als Nachbar sehe ich die Krone von Pluto, die über die Wipfel der Büsche ringsherum gewachsen ist – unterdessen sind allerdings die Büsche wieder im Vorteil und sind wieder höher als die Krone. Dann ist da das Auge, das uns zuzwinkert, wenn wir auf dem Sitzplatz einen guten Roten trinken – aber nur dann, das weiss ich aus eigener Erfahrung! Und schon bald wird der Schwanz des Nessie mindestens mit einem Drittel gegen uns hinüber wedeln. Und als Nachbaren hören wir plötzlich Gelächter aus den Büschen, und dann wissen wir, dass der Gnomengarten wieder in Aktion ist.

Nicht vergessen haben wir den Sommer 2006. Damals haben wir in unserem Haus den Teil des Estrichs umgebaut, der direkt gegen Jüres Garten hinüber lampet. Zuerst haben wir Jüre im Garten gesehen, wie er mit gerunzelter Stirn den Handwerkern zuschaute, dann aber ist er plötzlich vor unserer Tür aufgetaucht, mit einer langen Liste von Terminen in der Hand. Termine, an denen er Führungen hat, und dann sollen doch die Handwerker gefälligst ruhige Arbeiten erledigen — wie wenn es auf dem Bau ganz viele ruhige Arbeiten geben würde. Auf alle Fälle haben wir dann jedes Mal als pflichtbewusste und handliche Nachbarn die Handwerker instruiert.

Und diese Liste ist dann anschliessend mindestens jede Woche aktualisiert und wieder geliefert worden — und natürlich ist sie immer länger und länger geworden. Ein Zeichen des Erfolgs für Jüre und seinen Garten.

Schliesslich haben wir uns kaum noch getraut, den Rasen zu mähen, oder wenn, dann höchstens noch beim Eindunkeln, während kühlem Regenwetter, oder im Spätherbst vor dem ersten Schnee…

Jürg U. Ernst
Jürg U. Ernst

Der Gnomenvater ist wortgewandt, darum lachen seine Gäste oft und viel, und sie kommen gern wieder. Er ist auch immer in Bewegung und gestikuliert. Auf der Porträt-Foto, die wir von ihm am letzten Wochenende auf dem Dorfplatz gemacht haben für die grosse «läbig … gäbig»-Porträtgalerie, haben unbedingt seine Finger drauf müssen. Die einzigen fünf Finger unter hundertfünfzig Köpfen.

Und immer kommen neue spannende Figuren und Situationen dazu, immer mit der richtigen Geschichte, die dazu passt. Zum Beispiel unterirdisch im Panoptikum, oberirdisch, aber auch bis zu 7 Meter hoch über dem Boden. Ich staune, wie viel Kreativität in diesem Garten Platz hat — und bin auch ein bisschen neidisch.

Heute, 10 Jahre nach dem bescheidenen Start, hat Jüre seine gesundheitlichen Breschten überwunden. Wir können mit Maria und ihm zusammen wieder ein Glas Wein trinken, und darum wissen wir, dass es ihm wirklich wieder gut geht — ist doch besser als das komische alkoholfreie Bier. Und so geht’s auch mit dem Gnomengarten wieder vorwärts, immer voll Ideen und voll Elan.

Zurück zur Gemeinde: Natürlich habe ich auch etwas mitgebracht. Heute noch symbolisch, weil sie noch nicht produziert sind, bald aber physisch: Der Weg zum Gnomengarten wird bald mit neuen touristischen Wegweisern gewiesen, für die ganz wenigen Besucherinnen und Besucher, die nicht mit dem Postauto zur Haltestelle Gnomengarten fahren, und immer noch nicht wissen, hinter welchen Büschen sich der berühmte Garten versteckt.

Die Wegweiser sind offiziell bewilligt (von der Gemeinde natürlich, der Kanton wollte die Schilder nicht bewilligen) und werden in den nächsten Tagen geliefert, franko Haus — als kleiner Beitrag der Gemeinde an den Erfolg der letzten 10 Jahre und die vielen Jahre, die noch folgen. Den Beitrag übergebe ich mit Freude und im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen im Gemeinderat.

Ich wünsche uns allen ganz viele weitere Gnomengarten-Jahre mit Saisoneröffnungen, mit Führungen, mit Apéros, mit Mitgliederversammlungen und mit Finissagen.

Ich bin gerne mit den Gnominnen und Gnomen befreundet.

Ruedi Flückiger, Gemeindepräsident Schwarzenburg

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