Fünf Fragen an Jürg Ernst

Sie sind der künstlerische Vater einer skurril-heiteren Wohngemeinschaft. Wie sind Sie auf den Gnom gekommen?

Den Ausschlag gab unter anderem eine berufliche Krise. Ich war mit Leib und Seele Fotograf und spezialisierte mich auch auf aufwändige Fotoinszenierungen. Eine Aufnahme zu gestalten und die Verarbeitung im Labor bedeuteten für mich echtes Kunsthandwerk. Heute sitzen meine Kollegen wie in vielen anderen Berufen vor den Bildschirmen. Ich habe aber bei mir schon früh eine «digitale Allergie» festgestellt und suchte fieberhaft nach einer Ausdrucksform, die nicht aus einem Drucker ausgespuckt werden kann. Das wird bei Beton kaum passieren…

Der Begriff «Gnomengarten» entstand eher zufällig: Mein Freund Markus Keller erschien vor Jahren vor dem «Entenknocheneingangsportal» und schrie: «Jüre — das sy Gnome!»

Spachteln Sie als Gnomiker (griech.: Verfasser von Sinn- und Denksprüchen) Lebens- und andere Weisheiten in Beton?

Meine Aufbautechnik ist aufwändig. An einer Skulptur arbeite ich problemlos ein halbes Jahr. Plutos Werdegang, als grösste bisherige Figur, dauerte vier Jahre. Das meditative, ungestörte Arbeiten vor allem in der Winterzeit gefällt mir sehr. Dabei entspringen, ob man will oder nicht, die «undurchdachten Gedanken, die beim Betonieren entstehen», zum Beispiel: «Das morgendliche Erwachen erstaunt mich immer wieder!» oder «Wenn ich aus meinem Stiefel gucke, liegt die Welt zu meinen Füssen!»

Ihre grossäugigen Traumwesen meditieren im Tipi («Zyriakus»), leben im Schneckenhaus («Diogenes») oder sind wellnesssüchtige Dauerduscher («Olaf»). Gelangen in Ihrem Garten Esoteriker und Suchende zu neuen Erkenntnissen?

Ein dreibeiniger «Wahrheitssucher» besteigt die Plattform neben dem «goldenen Käfig» und sucht seine Wahrheit mit einem starken Teleskop in den Sternen. Mit 20 Jahren habe ich in der Türkei erfahren, dass die Wahrheit auf dem Meeresgrund liegt. Für lockere, humorvolle und schräge Menschen ist mein «betoniertes Cabaret» erholsam und anregend. Echte Esoteriker und krampfhafte Sucher müssen sich erst noch lockern, bevor sie der skurrilen Oase etwas abgewinnen können.

Welchen Ihrer Gnome würden Sie unserer frisch gewählten Bundesrätin Doris Leuthard persönlich vorstellen wollen?

Meine «Helvetia»! Das ist eine tonnenschwere Figur, die sich um ihre eigene Achse drehen wird — sie existiert erst in meinem Geist. In zwei, drei Jahren ist es so weit, dass ich sie der Bundesrätin vorstellen kann. Ihre grossen, ausdrucksvollen Augen werde ich dabei übernehmen! Natürlich darf sie ihre Kollegin und ihre Kollegen mitbringen zum geheimen Bundesratsapéro.

In Ihrem Garten ist nichts in Stein gemeisselt, sondern alles in Beton modelliert und «kreative Baustelle». Wer zieht als nächstes in der Garten-WG ein?

Im Herbst besteigt der «Wahrheitssucher» die Säulenplattform. Bald wird auch Gaias Sinnesraum mit einem surrealen Panoptikum ergänzt, und die «Wellnesswarteschlange» wird lang und länger… Solange der Gnomengarten eine Baustelle bleibt, lohnt sich ein alljährlicher Besuch, und meine Motivation bleibt erhalten.

sap - «Der Bund» vom 22.6.2006

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