Der zweite Erste August im Dorf

Karikatur zur 1.-Augustrede 2005 von Jürg Ernst - Künstler: Max Spring, Bern, Schweiz

Schwarzenburg und das Schwarzenburgerland — das sei irgendwie die geniale Mischung zwischen dem «grusigschte und em schönschte Ort vor Schwyz». Der dies sagte, ist Künstler Jürg Ernst, Schöpfer des Gnomengartens Schwarzenburg und vor einigen Wochen 1.-August-Redner an der Bundesfeier im Dorf Schwarzenburg. Der Ortsverein hatte ihn als Festredner eingeladen, um von seiner Beziehung zur Heimat zu erzählen. Heraus kam seine 1.August-Rede mit dem Titel: «Endstation Schwarzenburg — eine verschlungene Liebeserklärung an unsere Gemeinde». Ein Lokalpatriot? Ein Lästerer?

Seine Rede gab zu reden im Dorf: Was er denn erzählt habe an diesem 1. August, fragten jene, die selber nicht dabei waren, aber davon gehört hatten. Ob man die Ansprache noch mal hören könne, wollten jene wissen, die dabei waren. Und wieder andere grübeln darüber, wie Jürg Ernst es schaffte, in einer 1.-August-Rede über Heimatgefühl zu reden, aber nur ein einziges Mal «Heimat» zu sagen. «Schweiz» oder «Eidgenossenschaft» fehlten ganz. Dafür erklärte Jürg Ernst, wieso seine Frau und er hinter- und nicht nebeneinander durch Paris spazierten. Er erinnerte sich an seine Aktion vor vielen Jahren, in der er Politiker und Dorfprominenz zu Salatköpfen machte und damit viele Leuten vor den Kopf stiess. Ein Provokateur? Ein sanfter, kritischer Geist?

Immer wieder wurde er auf die Rede angesprochen. Dann entschied er sich: Er würde die Rede zum 1. August einfach noch einmal halten. An einem Ort, an dem er seit 24 Jahren irgendwie daheim ist. Im Garten seines Hauses, von dem er sagt, dass er froh ist, «dass es in Schwarzeburg steit». Dennoch würden Besuche in Bern manchmal Erinnerungen und Heimwehgefühle auslösen. Spricht da ein Nostalgiker? Oder einer, dessen Heute in Schwarzenburg ist?

Jürg Ernst richtete seine Worte nicht nur an Einheimische, sondern auch an «üsi Nöizuezüger». Denn ein guter Freund habe ihm vor vielen Jahren mal gesagt, dass es in Schwarzenburg mindestens 20 Jahre gehe, bis man einheimisch sei. Er selber, «gezeugt in Paris, geboren in Grenchen», zog vor 24 Jahren nach Schwarzenburg. Seit gut zwei Jahrzehnten lebt und arbeitet er hier, in «Ändstation Schwarzeburg», wie es aus dem Lautsprecher im Zug jeweils töne. In dieser Zeit sei er in «teilnehmender Beobachtung» zum Schluss gekommen: Die Durchmischung der Einheimischen mit Neuzuzügern habe der Gemeinde sehr gut getan. Und er selber? Ein Einheimischer? Immer noch Neuzuzüger?

Vor kurzem habe er sich mit der jüngeren Tochter in Bern getroffen, erzählt Jürg Ernst in seiner Rede. In einer Beiz, in der er selber früher oft verkehrte. Erinnerungen seien aufgekommen. Doch er sei gerne wieder zurück nach Schwarzenburg gekommen. Denn, so sagt er in seinem immer noch gut erkennbaren Dialekt: «Jasse düe si au in Schwarzeburg.» Ein Grenchner? Ein Berner? Ein Schwarzenburger?

Als er die Zeilen zum 1. August geschrieben habe, seien Freunde mit Ratschlägen schnell zur Stelle gewesen, erzählt Jürg Ernst. Sie gaben ihm Tipps, was man nicht sagen sollte und was schon. «Mach de nid lenger aus 12 Minute», riet ihm einer. Jürg Ernst hielt sich daran. Der angenehm kurzen Rede langer Sinn: Schwarzenburg kann durchaus etwas mehr Ernst vertragen. Weil der Spass dabei nicht zu kurz kommt.

Wolf Röcken, BZ vom 13. September 2005

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