«Politiker sollten nicht referieren»
Wie man eine 1.-August-Rede hält, bei der das Volk nicht weghört, weiss der Künstler Jürg Ernst. Letztes Jahr referierte er in Schwarzenburg. Seine Rede gab so viel zu reden, dass er sie schliesslich auf Bitten hin wiederholte.
Herr Ernst, führen Sie folgenden Satz zu Ende: Wenn ein Künstler eine 1.-August-Rede hält…
Jürg Ernst: … dann wird die Hälfte der Zuhörer die Vielschichtigkeit der Rede nicht begreifen.
Das Echo auf Ihr Referat war aber so gross, dass Sie es auf Bitten hin wiederholten.
Ich muss das relativieren. Am 1. August waren viele in den Ferien. Als sie zurückkamen und hörten, dass meine Rede noch im Gespräch war…
…fragte man Sie, ob Sie die Rede nochmals halten könnten.
Ja. Weil ich sowieso der Meinung bin, dass man den Nationalfeiertag auf den 1. September verlegen sollte, sagte ich zu, sie zu wiederholen. Ausgerechnet am 1. August, dem Nationalfeiertag, sind nämlich viele Schweizer im Ausland.
Raten Sie Politikern, die Mühe haben, originelle Reden zu schreiben, sich aufs Provozieren zu verlegen? So wie Sie?
Ich habe eigentlich nicht provoziert. Ich sagte den Zuhörern nur auf meine eigene Art, was ich an Schwarzenburg mag. Es war eine Liebeserklärung an meine Heimat.
Ausgerechnet das Wort Heimat brauchten Sie aber in Ihrer Rede nur einmal. Das Wort Schweiz überhaupt nie. Ist das ein Tipp?
Ich fand es wohl nicht erwähnenswert. Obwohl ich mir bewusst bin, dass ich in einem Land lebe, das mir viele Freiheiten schenkt.
Was aber müsste ein Politiker tun, damit seine Rede zum Dorfgespräch wird?
Eigentlich sollten Politiker grundsätzlich keine 1.-August-Reden halten.
Warum nicht?
Sie sind in Gremien verhängt. Sie können nicht frei reden. Deshalb haben sie Angst, dass man ihnen einen Strick drehen würde, wenn sie etwas nicht ganz korrekt ausdrücken. Deshalb sind sie alle verstockt. Sie können gar nichts Privates sagen. Eine Ausnahme war Bundesrat Leuenberger.
Ist er es nun auch nicht mehr?
Leuenberger ist der Einzige, den ich kenne, der versuchte, etwas aus dem Schema auszubrechen. Doch mittlerweile ist seine Art zu reden auch angepasster.
Dann sollten Politiker, so wie Sie es taten, statt über den Rütlischwur und die aktuelle Politik über ihre Frau referieren?
Ich habe nicht nur über meine Frau geredet. Meine Frau ist zwar tatsächlich erwähnenswert. Aber ich würde das nun nicht als allgemeinen Tipp empfehlen.
Sondern?
Ein guter Redner philosophiert ganz einfach über den persönlichen Alltag, wo das Volk leidet und lacht. In meiner Rede wollte ich damit ein Heimatgefühl erzeugen.
Also keine historischen Fakten?
Ich glaube, die meisten Menschen interessiert einfach das Hier und Jetzt. Wilhelm Tell zum Beispiel ist ja eh nur ein Mythos. Warum also nicht gleich selber einen Mythos erfinden, wenn man schon die Vergangenheit als Treppengeländer für die Rede braucht.
Aber Sie selber planen doch zurzeit, eine Skulptur einer historischen Figur, der Helvetia, in Beton zu bauen?
Ich will mit ihr nicht Geschichte, sondern mein persönliches Frauenbild betonieren. Ich bin geprägt, von starken Frauen. Helvetia ist ein Sinnbild dafür.
Was bedeutet Ihnen der 1. August überhaupt?
Der Nationalfeiertag bietet einfach eine gute Gelegenheit, ein Gemeinschaftsfest zu feiern. Das festigt doch das Heimatgefühl.
Können sie die Landeshymne singen?
Antwort: Nein, nein, nein, nein… Ich kann überhaupt nicht singen. Wie beginnt die erste Strophe schon nur? Trittst im Morgenrot…? Wie gehts weiter? Die Zeit ist überreif für eine neue Komposition.
Was schlagen Sie vor?
Zum Beispiel könnte der Berner Liedermacher und Sänger Dänu Brüggemann eine neue schreiben.
Eine rockige Hymne?
Eher ein modernes Chanson.
Interview: Mischa Aebi
