Wo Gnomen ihr Unwesen treiben

Wo Gnomen ihr Unwesen treiben - Foto des Künstlers Jürg Ernst von Andreas Blatter

Jahr für Jahr wächst in einem Garten in Schwarzenburg eine Familie der besonderen Art heran: Jürg U. Ernst zaubert aus Beton Gnome. Auf Rundgängen erzählt er die Geschichten der seltsamen Wesen: «Sofern Sie über die notwendige Beweglichkeit verfügen, können Sie nun auf eigene Verantwortung über Plutos Riesenzunge in seinen Schlund eintreten», fordert Jürg Ernst etwa Besucher auf, warnt aber: «Achtung, den goldenen Eckzahn nicht berühren!» und stellt in Aussicht: «Oben in der Krone erleben Sie eine einmalige Rundsicht und stehen auf der einbetonierten Schrift ‹I'm the best›. Unten erscheinen Ihnen die anderen Gnomengartengäste ziemlich klein. Sie merken: Ihr Selbstwertgefühl wird gestärkt!»

Doch nicht nur das Selbstwertgefühl wird im seltsamen Garten gestärkt. Auch die Fantasie wird aufs Äusserste angeregt. Wer durch das drei Meter hohe Narrentor in Form eines Riesen-Entenknochens eingetreten ist, gelangt auf eine skurrile Gnomen-Insel.

Zu entdecken sind Figuren wie der Pilger Sahib, der ins Gebüsch pinkelt, oder der wellnesssüchtige Olaf im Teich. Gelegentliche Kau- und Rülpsgeräusche sollten die Besucher nicht irritieren. Sie stammen vom Müllschlucker. Er lebt unter dem Boden. Seine Hauptnahrung sind Zivilisationsabfälle aller Art. Und an den Öffnungstagen streckt er seinen Kopf hervor, um sich füttern zu lassen. In der Nähe sitzt der kleine, etwas hochnäsige Nano und mokiert sich über das Treiben am Blinddarmteich.

Dort lebt der gurgelnde Eisenhans. Und irgendwo hockt auch der schnelle Brüter, erkennbar an den 100 Kilo schweren Eiern, die neben ihm liegen.

Jedes Jahr wird Jürg Ernsts Beton-Gnomenschar grösser. Die Figuren stehen hinter den Büschen, unter den Bäumen, tummeln sich am Wegrand. Sie sind mit Flechten überwachsen, mit Glühbirnen, Geräuschkulissen oder Wasseröffnungen ausgestattet, haben überdimensionale Köpfe, Füsse oder Ohren. Und allen ist gemeinsam: Sie sind dazu erschaffen worden, die Betrachterinnen und Betrachter zum Staunen und zum Lächeln zu bringen.

Auch ausserhalb seines Gartens hat Jürg Ernst schon seine Spuren in Schwarzenburg hinterlassen: Neben der Postautohaltestelle steht die Tatzelwurmbank. «Eigentlich sollte die Haltestelle logischerweise in ‹Gnomengarten› umgetauft werden», findet Ernst. Doch Postauto Bern habe ein entsprechendes Gesuch abgelehnt, da der Gnomengarten einen «kommerziellen Zweck» aufweise. Was wiederum Ernst zum Hinweis veranlasst hat, dass er als Kreator des Gartens seit Jahren kein Gehalt beziehe.

Dass Jürg Ernsts Kunstwerke auch käuflich sind, kann nämlich höchstens die Unkosten etwas decken helfen. Zudem haben Interessenten auch hier mit der Fantasie des Erbauers zu rechnen: Als die Behörden wegen der Vogelgrippe dem Geflügel Stallzwang verordneten, dehnte Jürg Ernst diese Anordnung kurzerhand auch auf seine Vogelgnomfiguren aus und stülpte ihnen Plastikabdeckungen über. Eine Auftragsarbeit musste wegen des Stallzwangs und entsprechender Schutzmassnahmen eine Weile warten…

In den nächsten Jahren wird der Gnomengarten mit weiteren Bauten und Projekten bereichert. Geplant sind unter anderem der Gott der Redekunst, der Durchgang der Göttin vielfältiger Ideen, ein Bierbauch, der Hundehalter und Plutos Rachenputzer. Ausserdem drei Säulen, die ein Drahtseil für die Gnomenwäsche spannen und ein fliegendes Saxophon.

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